Die Germanen als Quelle von Leitkultur?

Ende September 2008 konnte die Stadt Rüdesheim den 125. Geburtstag des Niederwalddenkmales feiern, besser bekannt als die „Germania“. Der Umfang der öffentlichen Aufmerksamkeit, die diesem Denkmal inzwischen wieder geschenkt wird, kann uns als sichtbarer Ausdruck eines Wandels deutscher Selbstwahrnehmung gelten, die ihre Wurzeln in der Zeit der Romantik aus der Mitte des 19.Jahrhunderts hat. Ein Schwall populärer Literatur scheint im Aus- und Inland ‚das Deutsche‘ wieder zu entdecken, was auf wissenschaftlicher Seite Zweifel aufkommen lässt. Man fragt sich, wie es um dem aktuellen Wissensstand über jene antiken Germanen bestellt ist, welche in der deutschen Romantik zur Schaffung einer nationalen Identität benutzt wurden. Der Brite Ben Donald schreibt 2008 in seinem erfolgreichen Reisebericht “Springtime for Germany”:

[…]Germany […] was born in a forest. Near Detmold, south of Hanover, to be precise. Here lies a dense swath of forest known as the Teutoburger Wald, where a battle took place that is considered […] as the moment the German people was born.

Mit diesem Mythos setzen sich auch aktuelle wissenschaftlichen Arbeiten auseinander, und das immer auch im kritischen Bewusstsein nationalsozialistischer Anwendungen germanischer Eigenschaften aus Tacitus’ Annalen. Im Bewusstsein der Deutschen stehen die Germanen als „die ersten Deutschen“.

Wer sind die Germanen?

Das Niederwalddenkmal auch bekannt als Germania

Niederwalddenkmal, auch bekannt als "Germania"

Größten Anteil an der Entstehung des Begriffes „Germanen“ haben Caesar und Tacitus. Ersterer hat die Begrifflichkeit, soweit uns bekannt, zuerst geprägt in seiner Schrift Über den Gallischen Krieg. Seine Darstellung ist stark davon geprägt, eine deutliche Abgrenzung zwischen den von ihm so genannten Germanen und den unterworfenen Galliern zu ziehen. Anders als „seine Gallier“ stellten die Germanen für Caesar eine Bedrohung dar, ein Unruhefaktor für die gerade erst eroberte gallische Provinz. Er stellte die Stämme jenseits des Rheines als barbarisch und kriegerisch dar.
Tacitus hingegen war es, der den Historikern und romantischen Schriftstellern des 19.Jahrhunderts einen Gründungsmythos lieferte der so bekannt ist, dass sich quasi die gesamte populäre Geschichtsliteratur auf diesen Mythos bezieht. Dabei war der Germane für Tacitus erst einmal nur eine Selbstbezeichnung einiger Siedler auf der römischen Seite des Rheins. Er identifiziert etliche Völker auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands, und erging sich dabei in mehreren Kapiteln ausführlich in einer Beschreibung ihrer Kultur. Unglücklicherweise waren es jene Beschreibungen von tugendhaften, „artenreinen“ und naturbezogenen Menschen, die später zum nationalsozialistischen Mythos der „germanischen Rasse“ führten. Dabei waren seine Worte eigentlich an eine, seiner Meinung nach, moralisch degenerierte römische Oberschicht gerichtet, um diese eines Besseren zu belehren.

Andere Herangehensweisen

Die Frage nach der Kultur und Gesellschaft der Germanen sollte daher über die „2 Römer“ hinausgehen. Bei beiden wird schon in den Originalquellen klar, dass sie bei der Beschreibung der alten Germanen vielmehr politische und gesellschaftliche Ziele verfolgten. Sie waren keine Historiker, sondern historische Politiker.
Hasenfratz (2007) macht in seiner aktuellsten Publikation daher auch deutlich, dass indirekte Schlussfolgerungen für das moderne Germanenbild erkenntnisreicher sein könnten als die Überbetonung dieser rein römischen Angelegenheit in einem mitteleuropäischen Mischwald bei Detmold, Niedersachsen.
Diese indirekten Schlussfolgerungen können zum Einen durch eine Untersuchung unserer Sprache anhand sprachgeschichtlicher Untersuchungen gelingen. Der Germane wird definierbar als Person, die eine germanische Sprache spricht, ganz ohne Mythos dahinter. Eine solche Untersuchung findet derzeit aber nicht in der Gesellschaftswissenschaft statt, sondern in der Sprachwissenschaft. Diese liefert aber leider keine der üblichen Jahresdaten, sondern die Beschreibung einer kontinuierlichen Sprachentwicklung. Ein Problem dieser Forschung ist, dass uns echte schriftliche Zeugnisse dieser Sprache erst aus dem Alt-Deutschen bekannt sind. Der Einfluss durch Sprachen angrenzender Regionen noch vor Tacitus ist dadurch nicht mehr untersuchbar.
Weitere Schlussfolgerungen können aus einer Untersuchung ihrer Religion entstehen. Noch heute finden sich Spuren der alten heidnischen Religionen in unserem Alltag und unserem Denken. Erneut sind früheste Zeugnisse germanischer Religion allerdings erst durch christliche Zeugnisse bekannt. Hieraus entstand das Wissen um germanische Gottheiten wie „Thor“, mit dem aus dem lateinisch-griechischem Raum üblichen Phalus-Symbol in Form eines Hammers. Auch hier sollte klar sein, dass solche Berichte über germanische Gottheiten ebenfalls unter Berücksichtigung des (christlichen) Weltbilds zur Zeit der Entstehung solcher Quellen betrachtet werden muss.

Ausblick für “die Leitkultur”

Wenn wir schließlich, unter Auslassung dessen was die „2 Römer“ uns über die Germanen mitteilten, ein stichhaltigeres Bild von der Kultur der alten Germanen erhalten, dann müssen wir auch den nächsten Schritt gehen. Die schlechte Quellenlage muss durch stichhaltigere Wissenschaften fundiert werden. Neben der modernen, auf DNA-Untersuchungen basierenden Ethnografie liegt es bei der Archäologie, überhaupt erst einmal Beweise für die Existenz dieser Gruppe von kulturell eigenständigen Volksstämmen zu erbringen, die östlich des Rheines lebten.
Mit Sicherheit würden solche Untersuchungen zu einer dringend nötigen Entmystifizierung des Begriffes „Germanen“ beitragen. Vielleicht auch mit der Quintessenz, dass es nicht unbedingt eines Blickes in die Vergangenheit bedarf, um eine nationale Identität definieren zu können.

Quellenachweis

Bildnachweis: Niederwalddenkmal von flickr User Gregorius Mundus, unter der Creative Commons Lizens am 29.10.2010

Donald, Ben: Springtime for Germany, London 2008.
Hasenfratz, Hans-Peter, Erfstadt 2007.
Simek, Rudolf: Die Germanen, Stuttgart 2006
Wolfram, Herwig: Die Germanen, Nördlingen 2000

Gehrke / Schneider: Geschichte der Antike. Ein Quellenband, Stuttgart 2007.
Christ, Karl: Geschichte der römischen Kaiserzeit, Ulm 2002.
Brodersen / Zimmermann (Hrsg.): Metzler Lexikon Antike, Weimar 2000.

(Mein Artikel ist eine Kurzform eines wissenschaftlichen Essays, eine meiner Studienleistungem im Lateinseminar Herrn Ströhlers im Jahre 2008, an der Universität Kassel.)

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Das mit den Germanen bzw Deutschen kann man meiner Meinung nach erst gegen 600-800 bzw gegen 1000 festmachen. Denn davor waren es zuviele eigenständige Stämme oder Volksgruppen (Sachsen, Franken, ..) bzw Überbegriffe wie Nordmänner und Kelten. Zu Tacitus Zeit waren es so z.B. die Cherusker, Langobarden, Angeln, Sachsen (als bekannteste -die ersten beiden im heutigen Thüringen, Brandenburg- die anderen beiden an der Nordsee), Friesen, Chamaven, Burgunder (damals noch im schlesischem Raum), die Jüten (Skandinavien) und hinter der Oder dann die Gotonen und Vandalen.
    Man könnte allerdings auch sagen, dass die Römer es geschafft haben, für eine Zeit lang diese Stämme/Volksgruppen zu vereinen – z.B. Teutonen. Denn vorher haben diese sich gegenseitig die Keule auf´m Kopf gehauen, nun mußte man gegen gepanzerte Legionäre gemeinsam kloppen Smile

    Aber im Großen und Ganzen gibt´s die Deutschen erst ab Otto I. . Alles davon ist viel zu sehr zerwürfelt – Thema Völkerwanderungen nach dem niedergang des römischen Reichs (Stichwort Vandalen, Goten). Man könnte sogar sagen, dass die Grundgruppe der Deutschen aus Franken, Sachsen und Angeln besteht, da diese zu den sesshaftesten Völkern zählten ^^ Denn die waren schon da, als Ceasar und Tacitus da waren; und sie waren noch da, als die Nibelungensage entstand und das Burgunderreich entstand (jetzt auf der anderen Seite des Rheins ^^)

    - Soviel erstmal dazu. Hoffe ich hab mich nirgens verhaspelt ^^
    Aber trotzdem toller Text und den Tacitus kannte ich noch garnicht Smile

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